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Fernando Arrabal
*11. August 1932 in Melilla, spanisch Marokko
Spanisch-französischer Schriftsteller, Dichter
und Dramatiker des Absurden Theaters

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Text über Autor und Stück: Marie van Bilk
einseitig.info



Wer zum Teufel ist Fernando Arrabal? Dieser geniale Hund mit einem abstrusen Hang zu tragikkomischen, albtraumhaften Szenerien, die einen nächtelang verfolgen können...

Ein hochbegabter Provokateur

Fernando Arrabal, hochbegabt, unerschrocken, schachbegeistert, engagiert schreibt nicht nur provozierende, aufrührerische und verstörende Theaterstücke. Der spanisch-französische Jurist und Künstler macht mindestens genauso eindringliche Filme, schreibt Gedichte, Essays, Romane, ist Journalist und seit 1968 Herausgeber der Zeitschrift „Le théâtre“. Ein höchst agiler und besessener Geist.

Sein Sujet – Gesellschaft, Gewalt, Bewältigung. Der Eindruck – surreal, verquer, pervers, hart, unbeugsam und von bleibender, moralischer Intensität. Seine Werke lassen einen mit  Unbehagen, mit Erinnerungen, Kindheitsängsten, traumhaften Schreckensvisionen und mit phantastisch-dunklen Bildern zurück. Arrabal – man nennt ihn einen verspielten Zyniker mit berechnendem Humor, respektlos gegenüber Macht, beschränkender Regelhaftigkeit und handelt ihn als Kandidaten für den Nobelpreis. Er ist weltweit einer der meistgespielten Dramatiker. Von seinen über 100 Theaterstücken sind leider nur wenige ins Deutsche übersetzt.

Fernando Arrabal gründete in Zusammenarbeit mit Topor, Sternberg und Jodorowsky die  „Panikbewegung“ in Frankreich. Sie bezieht sich auf den Pan, Hirtengott und Chaot. Die Vertreter des „Mouvement Panique“ wollen das Untergründige, Tiefe, Dunkle im Menschen zum Vorschein bringen, die absolute Freiheit und den Bruch bestehender gesellschaftlicher Konvention beschwören. Eine Ausdrucksform dieses Ziels ist die Vereinigung von Liebe und Gewalt in ihren Werken.

Künstler wie Picasso, Dalí, Magritte und andere illustrieren Arrabals poetisches Werk. Er selbst versucht sich gekonnt an Skulpturen, Zeichnungen und Collagen.

Milan Kundera beschreibt den spanischen Autor als Spieler, dem Kunst das Spielbrett ist – selbst wenn sie sich als verbotenes Spiel erweist. Der Autor selbst sieht sich nicht als bewussten Provokateur. Er reagiere lediglich auf „unerträgliche Ereignisse“, äußert er in einem Interview mit Catherine Makereel.

Gewalt und Macht

Nachhaltig beeinflusst wird Arrabal vom Verschwinden seines Vaters. Der Offizier wandte sich zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs gegen General Franco und wurde in der Folge zum Tode verurteilt. Die Flucht aus dem Gefängnis gelang angeblich, jedoch hörte die Familie nie wieder etwas von ihm. Seine Spur verliert sich im Dunkeln. Er wächst allein mit der Mutter auf, die im Verdacht steht, den Vater verraten zu haben. Von ihr wendet er sich  äußerlich – ablehnend - ab, kann sich emotional aber nur schwer lösen. Der Bürgerkrieg, die Totalität seiner Umgebung tun das ihre. Ende der 60ger Jahre wird er, der inzwischen während des Francoregimes nach Frankreich emigrierte, auf einer Reise durch Spanien verhaftet. Nach Rückkehr aus dem Gefängnis etabliert er das „théâtre politique“ und richtet sich damit deutlich und unmissverständlich gegen Diktatur und Unterdrückung. Sein „Brief an General Franco“ ist eine Abrechnung mit dem Regime seines Geburtslandes.

Sein erster Film „Viva la Muerte“, basierend auf seinem Roman „Baal Babylon“ verarbeitet sein ureigenes Thema. Der Vater wird aufgrund seiner kommunistischen Überzeugung inhaftiert. Sein Sohn Fando – gespielt von Mahdi Chaouch -, zurückgelassen bei der Mutter, lebt in einem von Frauen dominierten, religiös überfrachteten Umfeld. Als er feststellen muss, dass seine Mutter für das Schicksal seines Vaters verantwortlich ist, beginnt sein Auflehnungsszenario. Gleichzeitig fühlt er sich massiv von ihr angezogen und schuldig. Ödipus lässt grüßen. Die Belastung bringt den Jungen fast um den Verstand. Auch hier rechnet Arrabal mit dem faschistischen Herrscher Franco ab. Der Film ist voll von surrealen Symbolen und Allegorien. Am Ende des Films entlässt er Fando mit der Hoffnung, der Vater möge sich tatsächlich aus dem Gefängnis gerettet haben und dem Unbill der Macht entkommen sein.

Emotionale Verkrüppelung und deren vergeblich versuchte Heilung sind es dann auch, die er in seinem Stück „Nacht der Puppen“ hervorragend zum Ausdruck bringt.

Die Nacht der Puppen

Cavanosa als Casanova

Cavanosa, unsichtbar verkrüppelt, trifft Sil, eine junge, neugierige Frau, im Park. Die beiden kommen ins Gespräch, in dessen Verlauf der auch äußerlich wie eine Karikatur Casanovas wirkende Mann ihr eröffnet, seine Mutter ermordet zu haben. Sil, zunächst erschrocken und ungläubig, lässt sich dennoch in ihrem eigenen Hunger nach Liebe und Zuwendung neugierig auf ihn ein. Ein Wechselspiel aus Realität und Wahn, Lüge und Wahrheit, Liebe und Erniedrigung, Hörigkeit und Freiheitsdrang und einem Kampf der Geschlechter eröffnet sich bei dem sich entwickelnden Diskurs und läuft in seiner Zuspitzung auf die Entscheidung  „Leben oder Tod“ hinaus.

So begegnet Sil ihrer gegenwärtigen Liebe, einem arroganten, konventionstreuen Schnösel ohne echtes Gefühl, dem sie nur zu folgen bereit ist, wenn Cavanosa sie dazu drängt. Mal zeigt sie sich stark und wissend gegenüber ihrer Zufallsbekanntschaft, mal freiwillig erniedrigend. Mal ist sie die Liebende, mal die Verachtende. Und Cavanosa spielt damit. Er fühlt sich bestätigt; zugleich verwirrt und berührt. Immer wieder entdeckt er sich gefangen in der eigenen Biografie und dem ewig gleichen Verhaltensmuster. Doch Sil stimmt schließlich zu, ihm dabei zu helfen, die Leiche der Mutter zu beseitigen – dem äußeren und inneren Gefängnis also endlich zu entgehen.

Als die Mutter schließlich erscheint, wird Cavanosas Trauma und die Ausweglosigkeit der Situation deutlich. Verhaftet im Familiären, von diktatorischer Gewalt und Konvention geprägt, sucht er verzweifelt nach Auswegen aus dem immerwährenden Kreislauf und doch bleiben die Mutter und deren unterdrückendes Weltbild ständig gegenwärtig. Die Liebe, so scheint es, paart sich immer mit Schuld, Gewalt und Tod. Und so tötet er die neugefundene Gefährtin, wie auch seine Vorgänge-rinnen. Der seelisch Verkrüppelte findet keine Ruhe, bleibt lebenslang verhaftet mit seiner Kinds-erfahrung und reißt seinen Puppen, seinen Frauen den Kopf ab. Nicht Liebe lernt er, sondern dass Liebe und Gewalt mit all ihren Facetten ein und dasselbe sind. Liebe ist Tod, das Festhalten des Augenblicks. So hat es ihm die Mutter beigebracht, so handelt sie und fesselt ihn in aller Konsequenz an sich. Und so geht er im Umkehrschluss mit Frauen um. Er gibt die Qual, die ihm widerfährt, an seine unschuldigen Opfer weiter. Was dann vermeintlich als Happy End daherkommt, ist Lys – die Umkehrung von Sil – und das Ebenbild seiner Mutter. Sie lebt mit ihm die Gewalt, sie ist auch sein Spiegelbild und Sinnbild für die endgültige Kapitulation.


Marie van Bilk
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